Fabrik am Rotbach

Anlässlich der Europäischen Tage des Denkmals 2019 lädt die Kantonale Denkmalpflege zusammen mit der Fabrik am Rotbach am Samstag, 14. September 2019, zu einem Besuch nach Bühler ein.

Vor 30 Jahren erblühte dank grossem, privatem Engagement in der ehemaligen Fabrikruine am Rotbach neues Leben mit Wohn- und Arbeitsräumen. Das Konzept des Käufers Ruedi Zwissler richtete sich nach der Formel „Zusammen arbeiten + wohnen = leben + Natur + Kultur“. Über die Jahre veränderten sich die Ansprüche und Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner, so dass sich das Areal mit dem heutigen Besitzer Guido Koller als modernes Wohnprojekt in einem ländlichen Umfeld präsentiert. Vor diesem Hintergrund einer wechselvollen Geschichte widmen sich drei Referenten unterschiedlichen Themen.

Der wohl pointierteste Architekturkritiker der Schweiz, Benedikt Loderer, spricht zum Thema „Erblast der Moderne“. «Der Mensch erwacht und entdeckt die Welt, genauer, den Zwischenraum. Auf einer Reise durch die Geschichte von Babylon bis Berlin durchwandert er ihn und kommt so um 1920 in der Moderne an. Dort stellt er fest: Modern sein heisst einsam sein, isoliert, autistisch. Warum, weil der Zwischenraum abgeschafft wurde. Das ist die Erblast der Moderne, die wir tragen müssen, sie schuf, woran wir kauen, die Agglomeration.»

Die Fabrik birgt nebst architektonisch, auch gesellschaftsgeschichtlich Interessantes. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die leer stehende Fabrik am Rotbach ein erstes Mal für Wohnzwecke genutzt – als sogenanntes Quarantänelager für militärisch Internierte und zivile Flüchtlinge, vorwiegend aus Polen, Belgien und Russland. Zahlreiche Wandmalereien, teilweise von meisterlicher Hand, lassen heute noch erahnen, welche Räume welchen Zwecken gedient haben. Auffällig sind grosse Kreide- und Kohlezeichnungen von Albert Servaes, die den Andachtsraum, die sogenannte Kapelle, zieren. Er weilte gemeinsam mit seiner Tochter als belgischer Flüchtling in der Fabrik am Rotbach. Dank einem vor kurzem entdeckten, bemerkenswerten Erinnerungsalbum, das aus den Händen des tschechischen Zeichners und Autors Vladimír Babula und seinem Fluchtkollegen Franta Hanák stammt, sind seit kurzem weitere der kurzzeitigen BewohnerInnen auch namentlich bekannt. Der Historiker Thomas Fuchs erzählt vom Leben der damaligen Bewohnenden. Das Album bildet dazu den Ausgangspunkt für die Einführung ins Frühjahr 1945, in dem Millionen Leute unterwegs waren auf der Suche nach einem neuen Zuhause.

Anschliessend zeigt Hans-Ruedi Beck anhand von Beispielen auf, welche Wirkung „Farben als Merkmal der Ordnung“ haben. Wer kennt sie nicht, die Postkartenbilder farbiger Häuser auf sattem Grün der Wiesen mit Aufnahmen von Appenzeller Sennen in bunter Tracht. Gemeint sind damit vorwiegend Innerrhoder Bauernhäuser, welche im Dreiklang der Farben Gelb, Rot und Grün bemalt wurden. In Ausserrhoden ist das kaum der Fall, dezente Farben wie Weiss, Grau und Beige in allen Tönungen wurden bevorzugt. So gelten als typisch ausserrhodisch die naturgebräunten Holzfassaden, in die farblich nur im Bereich der Fenster eingegriffen wird. Dabei kontrastieren die weissen Fenstereinfassungen und Leibungen stark mit dem Dunkelbraunton des alten, unbehandelten Holzes. Diese Farbgebung folgt einer offensichtlichen Funktion: Mehr Licht in die Räume zu bringen. Die äussere Bemalung ist –im Gegensatz zu Malereien im Innern- historisch gesehen eine jüngere Erscheinung. Sie kam erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Die Farbgebung nahm von Region zu Region, ja beinahe von Dorf zu Dorf eine leicht unterschiedliche Charakteristika an. Wesentlich ist dabei der gestalterische Zusammenhang zwischen dem Dorfhaus und dem Bauernhaus: Die dörflichen Stile breiteten sich aufs Land aus. Noch heute lässt sich feststellen, dass mit dem Abstand zum Dorfkern auch die Verbreitung hell bemalter Bauernhäuser abnimmt und entlang wichtiger Verkehrswege grösser ist als in abgelegenen Weilern.

Während oder anschliessend an die Referate besteht die Möglichkeit, im eigens eingerichteten Sprechzimmer der Denkmalpflege in Kontakt mit der Leitung der Denkmalpflege, Vreni Härdi und Hans-Ruedi Beck, zu treten. Zudem öffnen mehrere BewohnerInnen ihre Türen, gewähren Einblicke in das aktive Neben- und Miteinandersein. Die Fabrik am Rotbach versteht sich als kleines Dorf, welches sich achtsam um Infrastruktur, Mensch, Tier und Natur bemüht und immer noch viel bewegt: Die Kunstschaffenden Frank & Patrik Riklin überraschen mit einer Kunst am Haus In-situ-Installation „Null Stern meets BIGNIK“ und Kunstaktionen von Roman Signer werden anhand aufliegender Dokumentationen in Erinnerung gerufen.

Das detaillierte Programm finden Sie hier
sowie weitere Informationen unter www.fabrikamrotbach.ch

Kantonale Denkmalpflege

  • Landsgemeindeplatz 5
  • 9043 Trogen
  • T: +41 71 353 67 45